Stein und Strom: Wie Macht den Alltag vorbaut
Eine Attrappe eines Triumphbogens stand in Washington, dort, wo das geplante Monument entstehen sollte. Mehrere Demonstranten hatten sie errichtet. Sie wollten nicht diskutieren. Sie wollten verhindern. Laut dem Bericht von Focus sprach Reinhard Keck, freier Journalist in London und über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft berichtend, mit ihnen über den geplanten Triumphbogen für Donald Trump.
A mock-up of a triumphal arch stood in Washington, on the site where the planned monument was to rise. Several demonstrators had erected it. They were not there to debate. They wanted to stop it. According to a Focus report, Reinhard Keck, a London-based freelance journalist covering politics, economics and society, spoke with them about Donald Trump’s planned triumphal arch.
Für Anthony war das Projekt mehr als ein neues Wahrzeichen der Hauptstadt. „Für mich ist das so etwas wie ein Symbol für die Herrschaft eines Kaisers“, sagte er Focus. Dan sah vor allem den Standort als Frevel: „Das ist eine Schändung des heiligen Bodens. Dies ist unser heiligster Friedhof, unser heiligstes Land, das wir in den Vereinigten Staaten haben.“ Ein weiterer Demonstrant nannte das Vorhaben ein „verrücktes Prestigeprojekt“. Seine Kosten seien unnötig, während die Schulden und hohen Benzinpreise die Menschen belasteten.
Autos fuhren vorbei. Manche Fahrer hupten. Noch am selben Abend stoppte laut Focus eine US-Bundesrichterin den Baubeginn für 14 Tage. Das war ein Teilerfolg, kein Urteil über den endgültigen Bestand des Projekts. Doch der Zwischenstand passt zu den Protesten: Erst das Denkmal, dann der Widerstand. Erst der Anspruch auf Ewigkeit, dann die Rechnung.
In Europa ist die Bewegung gegen den Rechenzentrums-Boom breiter und weniger sichtbar. Aktivist*innen in London, Amsterdam, Wien und anderen europäischen Städten sind gegen Rechenzentren auf die Straße gegangen. Nach Darstellung von netzpolitik.org war Berlin Teil der ersten europaweiten Aktion dieser Art. An einem kalten Novembernachmittag versammelten sich dort 15 bis 20 Demonstrierende vor zwei Standorten in Mariendorf. Das Gelände eines ehemaligen Gaskraftwerks war eingezäunt. Außer Sicherheitspersonal und Bauarbeitern gab es dort kein Leben. Handschriftliche Schilder, Stoffbahnen, ein Polizeifahrzeug. Auf einem Transparent stand: „Rechenzentren? Nein, danke!“
Caro Weber von der Interventionistischen Linken, Sprecherin der Protestaktion, sagte dem Bericht, die Aktivisten hätten den Betreiberen Angst machen wollen. Ein für die Öffentlichkeit geplanter Tag der offenen Tür sei aus Sicherheitsgründen abgesagt worden. Ein Passant sagte: „Ich wusste gar nicht, dass es hier ein Rechenzentrum gibt!“ Genau darin liegt der Unterschied zum Triumphbogen: Washington kämpft gegen ein überdeutliches Denkmal. In Mariendorf kämpfen Menschen gegen etwas, dessen Umrisse die Betreiber absichtlich unklar lassen.
Betrieben werden die Anlagen von NTT Data und Virtus, beiden multinationale Colocation-Anbieter. Sie vermieten Fläche, Strom und Kühlung für fremde Server. Teile der Standorte sind bereits in Betrieb, andere werden gebaut. Nach der Fertigstellung soll das Areal mehr als 100 Megawatt IT-Kapazität bündeln. Die im Bericht genannte Schätzung stellt den Strombedarf mit dem von Zehntausenden Haushalten gleich.
Beide Fälle handeln von Monumentalisierung, nur auf entgegengesetzten Wegen. Der Triumphbogen soll Präsenz schaffen: sichtbar, massiv, unbestreitbar. Er hält den Namen eines Präsidenten fest und verwandelt eine Amtszeit in ein vermeintlich dauerhaftes Stadtbild. Rechenzentren schaffen Bedeutung ohne Signale. Kein Monument auf dem Platz, kein Name im Straßenbild, nur ein eingezäunter Komplex, Stromleitungen, Kühlanlagen und Server. Unsichtbarkeit ersetzt die Inschrift.
Kapital und Macht arbeiten dabei nicht auf dieselbe Weise, doch der Effekt ähnelt sich. Das eine Projekt beansprucht-symbolische Dauer, das andere verspricht technische Notwendigkeit. Beide gewinnen an Gewicht, sobald sie gebaut oder in Betrieb genommen sind. Wer dann fragt, warum dieser Bogen, warum dieser Standort, warum dieser Energieverbrauch, kommt zu spät. Die gebaute Entscheidung gilt als Normalzustand.
Der Vergleich zwischen Washington und den europäischen Protesten beschreibt deshalb eine ähnliche Machtstruktur, keine nachgewiesene gemeinsame Organisation. Dafür fehlt die Quellenbasis. Für Washington stützt sich dieser Text auf den FOCUS-Bericht, für die europäischen Aktionen auf netzpolitik.org. Die Wörtzitate folgen diesen Berichten; unabhängige Wortprotokolle oder Aufnahmen liegen nicht vor. Auch die gemeinsame europäische Aktion wird im Bericht als Einschätzung der Veranstalter behandelt.
Trotzdem sitzt die Pointe. In Washington macht eine Attrappe die Macht sichtbar. In Mariendorf machen Schilder das Unsichtbare sichtbar. Der eine Widerstand kämpft gegen Spektakel, der andere gegen eine Megastruktur, die Spektakel verleugnet. Wer entscheidet, ob diese Dinge Teil des Alltags werden? Um Stein und Server, um Sichtbarkeit und Verschleierung – und um die Macht, den gebauten Zustand als unausweichlich zu verkaufen.
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